B 812 | Ahrweiler | Deutschland | 2011/2012

Unter den Ahrweiler Weinbergen, rund 25 Kilometer von Bonn entfernt, befinden sich noch heute die Reste des wohl größten deutschen Regierungsgeheimnisses aus Zeiten des Kalten Krieges. Mit rund 17 Kilometern Gesamtlänge bohren sich in über einhundert Metern tiefe die verzweigten Gänge eines streng geheimen Bunkers durch die Unterwelt, der im Fall eines Dritten Weltkrieges Zentrum und Zufluchtsort für die Bundesregierung und die wichtigsten Funktionsträger Deutschlands geworden wäre.

 

Die politischen Ereignisse der Nachkriegszeit und die zunehmende Bedrohung durch den Osten ließen im Westen die Angst vor einem erneuten Weltkrieg wachsen. Nach dem Beitritt Deutschlands in die NATO im Jahr 1955 unterlag der Staat nun strengen Schutzauflagen, zu denen auch ein unterirdischer Schutzraum für die Regierung zählte. Nach langen Planungen und Untersuchungen wurde unter Konrad Adenauer der Standort Marienthal gewählt, der durch die massiven Weinberge und bereits vorhandene, stillstehende Eisenbahntunnel einen idealen Raum bot. Ein Jahr nach Mauerbau, im Jahr 1962 bis 1972, entstand unter dem Decknahmen Rosengarten (B 812) ein vier Milliarden DM schweres Bauprojekt, dessen Ausmaße noch heute beeindrucken. Im Verteidigungsfall, das heißt bei drohender Gefahr eines Atomangriffes aus dem Osten, hätten etwa 3 000 Menschen in einer unterirdischen Stadt für 30 Tage überleben und die Reste eines schwer geschädigten Staates regieren müssen. Bundespräsident, Bundeskanzler, Vertreter des Verfassungsgerichts, der Bundesbank und der Bundeswehr, Minister und andere wichtige Staatsämter hätten die Verteidigung des Staates und den Schutz der betroffenen Bevölkerung sichergestellt. Für die einzelnen Landesregierungen wurden eigens Bunker im jeweiligen Bundesland errichtet.

Von 1966 bos 1989 wurde der Ernstfall (Spannungs- und Eskalationsphase im Verteidigungsfall und Vollzug finaler Aufgaben) alle zwei Jahre mit Vertretern der Regierung unter hermetischem Betrieb in bis zu 30 Tagen geprobt. Mit Bundeskanzler- und Präsidentendouble wurde so unter anderem der Vorgang der Gesetzgebung in einem Notparlament wie nach Drehbuch geübt. Diese ebenfalls streng geheimen Übungen trugen Namen wie Falles, Winter oder Cimex.

 

Vom Regierungsbunker bestand Funkverbindung zu den deutschen Botschaften im Ausland sowie allen NATO-Kommandostellen. Im Falle eines ABC-Angriffes auf Deutschland hätte der Bundespräsident von einem eigens eingebauten WDR-Fernsehstudio aus seine letzte Rede an die deutsche Bevölkerung gerichtet. Wer diese Ansprache noch hätte sehen können, und wie es mit der Bunkerbesatzung nach 30 Tagen weitergegangen wäre, verschweigen die Drehbücher allerdings. Bekannt ist nur, dass ein benachbarter Autobahnabschnitt im Notfall zu einer Flugzeuglandebahn umfunktioniert werden konnte.

 

Nicht nur der Bau, sondern auch die Unterhaltung des Bunkers verschlangen Unsummen an Steuergeldern. Es waren ständig 180 Mann im Dreischichtdienst mit der Bereithaltung und Wartung der Tunnelräume beschäftigt, hinzu kamen Strom, Wasser und Material. Auch die Geheimhaltung wies ihre Schwachstellen auf,  denn die Anwohner trauten den als THW-Übungsort getarnten Baumaßnahmen nicht mehr, und ein DDR-Spion war unbemerkt seit Baubeginn als Handwerker in den geheimen Bau eingeweiht. Als dann mit dem Mauerfall auch noch der Eiserne Vorhang fiel, überwogen die Kosten den Nutzen einer solchen Einrichtung. Unter Helmut Kohl wurde der noch immer einsatzbereite Bunker 1997 endgültig aufgegeben. 

 

In einer Zeitung wurde mit den Worten »Vorstellbar ist die Nutzung für Wissenschaft, Forschung, Technologie, Freizeit«  zum Verkauf angeboten.  Da sich jedoch kein Käufer fand, wurden die Tunnel  in ihren Rohzustand versetzt und versiegelt. 202 Meter allerdings sind bis heute voll ausgestattet erhalten geblieben und zum Europäischen Kulturerbe erhoben worden. Die Dokumentation des Bunkers in sachlich nüchternen Fotografien wirft einen analytischen Blick auf den Bau und dessen Einrichtung, in der sich Macht und Angst eines Staates als Szenario einer möglichen Realität widerspiegeln.

 

In Zusammenarbeit mit Mario Wallenfang | www.mariowallenfang.de